Es ist kurz nach sieben, als ich den Feldweg nach Buchhorst entlanggehe. Der Frost knirscht unter meinen Stiefeln, und mein Atem bildet kleine Wolken in der eisigen Morgenluft. Die Eichen am Wegrand stehen wie stille Wächter, ihre kahlen Äste mit Raureif überzogen. ❄️
Das hier ist meine liebste Zeit am Bienenstand im Januar – wenn die Welt noch schläft und selbst die Vögel schweigen. Keine surrenden Bienen, kein Brummen, kein geschäftiges Treiben. Nur Stille. Und doch passiert gerade Unglaubliches in meinen Bienenstöcken hier im Herzogtum Lauenburg.
Ich nehme dich heute mit auf meinen Winterrundgang durch Buchhorst. Nicht um dir zu erklären, wie Bienen im Winter überleben – das kannst du überall nachlesen. Sondern um dir zu zeigen, was diese stille Jahreszeit für mich als Imker bedeutet. Was ich sehe, höre und fühle, wenn ich bei meinen Völkern bin.
Ein Januarmorgen in Buchhorst
Der Geruch von feuchtem Laub und gefrorener Erde liegt in der Luft, als den Bienenstand am Rande einer Kuhweide erreiche, auf dem meine sechzehn Völker stehen. Die Bienenstöcke sehen fast verlassen aus – keine Spur von Leben. Nur ein leises Rascheln, wenn der Wind durch die trockenen Gräser streicht.
Ich lege meine Hand auf einen der Holzbeuten. Kalt. Natürlich. Aber wenn ich mein Ohr an die Seitenwand lege, höre ich es: Ein sanftes, rhythmisches Summen. Kaum wahrnehmbar, aber da. Meine Bienen leben.
Hier im südlichen Schleswig-Holstein, wo die Elbe in der Ferne liegt und der Naturpark Lauenburgische Seen beginnt, haben wir in manchen Wintern bis zu minus fünfzehn Grad. Und trotzdem überleben meine Bienen. Nicht weil ich irgendetwas Besonderes tue – sondern weil diese kleinen Wesen Jahrmillionen der Evolution hinter sich haben.
„Was machen Bienen im Winter?“ – eine Frage, die mir fast jeder stellt. Die Antwort ist simpler und faszinierender zugleich: Sie kuscheln. Zehntausende Bienen, eng zusammengedrängt in einer Wintertraube.
Was passiert im Bienenstock?
Stell dir vor, du könntest jetzt durch die Holzwand schauen. Du würdest keine einzelnen Bienen auf den Waben sehen, die geschäftig hin und her laufen. Stattdessen: Eine kompakte Kugel aus Bienen, die sogenannte Wintertraube. 🐝
In der Mitte dieser Traube – und das ist das Verrückte – herrschen konstant 35 Grad Celsius. Egal ob draußen Minusgrade sind oder Schneestürme toben. Die Bienen am Rand der Traube zittern mit ihren Flugmuskeln und erzeugen so Wärme. Wenn sie zu kalt werden, tauschen sie mit den Bienen aus dem warmen Kern. Ein perfektes System, das keinen Strom braucht, keine Heizung, nur Honig als Treibstoff.
Und mitten drin sitzt die Königin. Still und beschützt. Aber warte – ab Mitte Januar beginnt sie wieder zu legen! Ja, du hast richtig gelesen. Während draußen noch Frost herrscht und wir Menschen uns in Decken kuscheln, startet meine Königin in Buchhorst bereits die nächste Generation. Winzige Eier, aus denen in wenigen Wochen die ersten Bienen des neuen Jahres schlüpfen werden.
Wusstest du?
Die Wintertraube der Bienen ist ein thermisches Wunderwerk. Bei Außentemperaturen von minus 20 Grad halten die Bienen im Kern konstant 35 Grad – allein durch das Zittern ihrer Flugmuskeln. Dafür verbraucht ein Volk etwa 15-20 kg Honig pro Winter.
Meine Arbeit als Imker im Januar
Was macht ein Imker im Winter, wenn die Bienen sich selbst versorgen? Ehrlich gesagt: Nicht viel an den Völkern selbst. Und das ist gut so.
Mein Rundgang heute in Buchhorst dauert vielleicht zwanzig Minuten. Ich schaue, ob die Fluglöcher frei sind – manchmal verstopfen tote Bienen oder Schnee den Eingang. Ich achte auf ungewöhnliche Geräusche oder Gerüche. Ich hebe kurz die Beuten an, um das Gewicht zu prüfen. Sind sie noch schwer genug? Haben die Völker noch ausreichend Winterfutter?
Heute ist alles in Ordnung. Ich notiere ein paar Zeilen in mein kleines Heft – Temperatur, Beobachtungen, welches Volk sich wie anfühlt. Seit ich 2017 mit dem Imkern angefangen habe, führe ich diese Aufzeichnungen. Mittlerweile füllen sie mehrere Notizbücher.
Dann stehe ich einfach da. Minutenlang. Höre dem Wind zu, beobachte einen Bussard, der über den Feldern kreist. Diese Momente der Stille sind selten in unserem hektischen Alltag. Am Bienenstand finde ich sie.
Die Werkstatt ruft: Winterarbeiten drinnen
Während meine Bienen überwintern und ich nur als stiller Beobachter fungiere, wartet in meiner kleinen Werkstatt in Witzeeze genug Arbeit. Der Winter ist die Zeit der Vorbereitung.
Neue Rähmchen wollen zusammengebaut und mit Mittelwänden versehen werden. Alte Waben werden ausgeschmolzen, das Wachs gereinigt und zu neuen Mittelwänden gegossen. Ich repariere Beutenteile, streiche Beuten mit umweltfreundlicher Farbe, sortiere mein Werkzeug.
Es ist eine meditative Arbeit. Draußen wird es früh dunkel, der Regen trommelt gegen die Fensterscheiben, und ich sitze in der warmen Werkstatt, den Geruch von Bienenwachs in der Nase. ☕ Eine Tasse Tee mit eigenem Honig neben mir – so lässt sich der Januar aushalten.
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mit den Rähmchen rede. „Ihr werdet im Frühjahr eine schöne Brutwabe abgeben“, sage ich dann. Ja, Imker sind ein bisschen verrückt. Aber wer stundenlang Holzteile zusammenbaut, um winzigen Insekten ein Zuhause zu geben, der hat diese Grenze ohnehin längst überschritten.
Naturbeobachtungen im Januar
Der Naturpark Lauenburgische Seen, der seit 1960 besteht, zeigt sich im Winter von einer ganz anderen Seite. Die Seen sind manchmal zugefroren, die Buchenwälder kahl. Und doch: Leben überall, wenn man genau hinschaut.
Auf meinen Rundgängen durch Buchhorst beobachte ich Rehe, die am Waldrand äsen. Spuren im Schnee verraten, dass ein Fuchs die Nacht hier verbracht hat. Gelegentlich sehe ich Kraniche, die auf ihrem Weg nach Norden einen Zwischenstopp machen – Vorboten des Frühlings, auch wenn der noch Wochen entfernt ist.
Das Herzogtum Lauenburg hat mit 24 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Waldanteil – der Schnitt in Schleswig-Holstein liegt nur bei zehn Prozent. Diese Wälder, diese Natur, sie prägen den Charakter unseres Honigs. Denn auch wenn im Winter nichts blüht: Die Landschaft, die meine Bienen im Sommer befliegen, ruht jetzt nur. Sie sammelt Kraft für das, was kommt.
Warum ich diese Zeit liebe
Viele Imker werden dir sagen, dass sie den Sommer am meisten lieben. Die Honigernte, das Brummen der Bienen, die warmen Tage am Stand. Und ja, das ist wunderschön.
Aber der Winter hat etwas, das der Sommer nicht hat: Stille und Vertrauen.
Stille, weil die Hektik der Saison vorbei ist. Keine Schwarmkontrollen, keine Waben zu schleudern, keine Sorge um Varroamilben. Nur ich und meine schlafenden Völker.
Und Vertrauen, weil ich loslassen muss. Ich kann meinen Bienen im Winter nicht helfen. Sie müssen alleine klarkommen – mit dem, was ich ihnen im Herbst mitgegeben habe. Das lehrt Demut. Es erinnert mich daran, dass ich nicht der Chef bin. Die Bienen sind es.
Heute Morgen, auf dem Rückweg von Buchhorst nach Witzeeze, sehe ich die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen. Der Frost glitzert auf den Feldern wie tausend kleine Diamanten. In etwa zwei Monaten werden hier die Weidenkätzchen blühen – das erste Futter für meine Bienen nach dem langen Winter.
Aber bis dahin: Ruhe. Geduld. Und ein stilles Staunen darüber, was in meinen Bienenstöcken passiert, während die Welt draußen schläft.
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Unser regionaler Honig aus Buchhorst ist das Ergebnis dieser stillen Wintermonate – und eines langen Sommers fleißiger Bienen.